Weinrallye # 102 – Der September und die Weltschmerzweine…

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Meine liebe Freundin Susa hatte ja auch so eine „je schlimmer, desto…“ Regel…

 

September – normal der Monat des Umbruches, der Monat, wo es gefühlt kälter ist als draußen, wo die Nacht beginnt, über uns die Oberhand zu gewinnen…

 

Dieses Jahr ist es ein ganz komischer September, der Sommer ist in die Verlängerung gegangen und selbst dessen 2. Halbzeit schreit nach kurzer Hose und dem Schwimmen im Fluß. Nach Rosé-Spaß und Weißweinproben… Hitzefrei für die Schüler und Urlaubssehnsucht für die im Hamsterrad Gefangenen.

 

Ich zaudere immer noch, die wartenden neuen Weine aus Spanien kommen zu lassen, nicht nur, weil meine Kunden noch ebenfalls mit Bestellungen zaudern, nein, vor allem, wenn ich auf die Wetterkarten Europas schaue und weil ich daran denke, wie Speditionen arbeiten… obwohl meine Jetzige deutlich mehr um Schnelligkeit und Korrektheit bemüht ist als die, die ich zuvor hatte. Und dennoch, es dauert ja immer, bis die Paletten 2000 km überwunden haben.

 

Und die Winzer freuen sich auch über die zeitige Ernte. Von meinen Winzern kommen ausnahmsweise bislang mal keine Hiobsbotschaften. Keine Verluste durch Gewitter und Hagelschlag, Kirschessigfliegen oder andere komische Insekten, auch keine bezüglich räuberischer Wildschweinhorden. Das ist doch schon mal was, aber das war es dann auch schon.

 

Ansonsten traut man sich mal wieder kaum, die Nachrichten anzuschalten, jeden Tag neue Hiobsbotschaften – solche, die einen früher oder später persönlich betreffen werden wie die Androhungen von Preiserhöhungen seitens der Krankenkassen, Tankstellen und ähnlicher Gierschlünde…, aber auch der Wahnsinn der letzten regionalen Wahlergebnisse bei den Wahlen im September, die Entscheide der Polizei und der örtlichen Politiker in Bautzen, das unter den Tisch Kehren rechten Terrors in Sachsen generell, der Tanz von Frau Merkel mit dem türkischen Despoten, von den Kriegen, Anschlägen, dem Bombenterror der Syrischen Assad-Armee, aber auch der Russen und der Türkei auf Zivilisten in Aleppo und den Kurdengebieten ganz zu schweigen.

 

Auch über den stillen Rechts-Schwenk-Marsch bei der Nun-doch-nicht-mehr-so-sehr-Willkommen-“Kultur“ mag ich jetzt gar nicht nachdenken, vor allem, wenn ich in lachende Kinderaugen aus Syrien oder Afghanistan blicke, die mit ihren Eltern immer noch und leider immer öfter vergeblich hoffen, hier Frieden lernen zu können – und auch die deutsche Sprache…

 

All das Nachdenken über die Geschehnisse in diesem September erzeugt wohl oder übel Schwermut, herbstlich graue Stimmung in der Vorahnung der kommenden düsteren Zeiten.

Wenn dann noch so Schlimmes hinzu kommt, wie der dann doch viel zu plötzliche Tod unser aller lieben Freundin und Genuss-Bloggerkollegin Susa, der auch mich persönlich zutiefst traf, dann tritt es sich schwerer und schwerer im Hamsterrad…

 

Dann helfen auch kurze Hosen, September-Hitze und die tägliche Freude auf das Schwimmen durch die Elbe nicht mehr wirklich.

 

Dann helfen nur noch Weltschmerzweine – zumindest eine kurze Weile…Sie versprechen Ablenkung und schönere Gedanken, Trost und ein Streicheln der angekratzten Seele, ja, sie machen Mut auf Hoffnung…

 

Für mich sind das oft die großen, die Erlebnisweine, die Weine, die intensive Zwiesprache und Beobachtung fordern, die etwas zu erzählen haben, die man nicht einfach so nebenher wegschlürft und mit „lecker“ abtut… Wie gut, dass es solche Weine gibt und dass man darauf zurück greifen kann, wo andere, die diese Geheimnisse der großen Erlebnisweine bislang nicht entdecken durften, vermutlich auf Alkohol zwecks Besäufnisses zurück greifen – oder auf Schlimmeres.

 

Wenn bereits die Nase wahrnimmt, dass hier was Besonderes ins Glas kommt, dann wird auch ein Signal des Trostes an das Herz gesendet und eines der vermehrten Aufmerksamkeit ans hadernde Hirn. Kollege Wein übernimmt… alles wird gut… – vielleicht passendes „Soulfood“ dazu, vielleicht passende Musik, bloß keinen Fernseher und kein Internet, den Computer nur zum Suchen von Fotos aus schöneren Tagen… Zurücklehnen, aufnehmen, was der Wein vorgibt, entschleunigen, zur Ruhe kommen, träumen…

 

Am Abend der schlimmen Nachricht des Ablebens von Susa war es ein 1988er Gruaud Larose, das Älteste und Beste, was das gegenwärtige Bordeaux-Trinkregal anbot, nach den schlimmen Nachrichten und nach den Wahldesastern in Mecklenburg und Berlin mussten besonders gute Weine aus dem Jura oder dem Priorat herhalten, die erste Angst vor der erneuten angedrohten und wahrscheinlich wieder existenzbedrohenden Krankenkassenbeitragserhöhung mußte ein 2001er Cuvée Sylla von Borie de Maurel lindern.

 

Der jetzt zu Ende gegangene September hat bei mir besonders häufig nach einem Weltschmerzwein verlangt.

 

Vielleicht erwartet uns ja auch ein goldener Oktober oder wer weiß was auch immer – aber mal eine Zeit mit weniger schlimmen Botschaften und Ereignissen, eine Zeit der ernsthaften Bemühung um Frieden in den blutenden Teilen der Welt, eine Zeit der Rückkehr zur Vernunft und zur lösungsorientierten Sachpolitik, weg von weiteren Verschlimmbesserungen und hin zu neuen, mehr Hoffnung machenden Lebensmodellen. Eine Aufbaustimmung anstelle der Zerstörungswut. Eine heilende Medizin statt einer, die nur der Gesundheitsmafia die Taschen füllt. Politiker, die auf die Idee kommen, am Volkswohlstand zu arbeiten, statt am Wohlstand ihrer Lobby-Klientels…

 

Oder zumindest eine Zeit des Durchatmens, eine Zeit, in der wieder mal gekauft wird, statt wegen der Angst auf schlechtere Zeiten zurück gelegt…

 

Eine Zeit, in der man sich trotz des Hamsterrades auf die kleinen schönen Dinge konzentrieren kann, in dem man inne halten darf, statt sich getrieben zu fühlen. Ich wünsche es uns allen,

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt – game over but the show must go on…

 

Je schlimmer der Tag, desto besser sollte also der Wein am Abend sein….

 

Unter meinen Prioratweinen gibt es im Übrigen etliche, die gute Weltschmerzweine abgeben.

 

Aber – auch in guten Zeiten machen sie denselben Spaß und bereichern sie den Tag.

 

Denn der Weltschmerzwein ist nicht nur Weltschmerzwein, sondern in erster Linie ein großer Erlebniswein. Und Erleben ist bekanntlich das beste Mittel für einen glücklichen Tag.

 

 

Die allgemeine Info zur Weinrallye habe ich von Peter Züllig (danke) übernommen…

Die Weinrallye ist ein Blogevent, das jeden Monat einmal stattfindet (in der Regel am letzten Freitag im Monat). Einer der teilnehmenden Blogs übernimmt die Führung, bestimmt das Thema, lädt ein, verlinkt die Beiträge und erstellt eine Zusammenfassung. Sinn und Zweck einer Weinrallye ist einzig und alleine der Spass und die Motivation, schöne Themen aufzuarbeiten. Bei der Weinrallye darf jeder mitmachen, egal ob Weinblogger oder nicht. Auch Nichtbloggern bieten die Gastgeber immer die Möglichkeit ihre Beiträge auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Allgemeine Informationen und Logos findet man auf den entsprechenden Seiten von Thomas Lippert (dem Gründer des Events) auf Winzerblog. Wer gerne einmal selbst als Autor/Themengeber mitmachen möchte, findet alle Infos und die kommenden Themen auf der Weinrallye Seite auf Facebook Weinrallye. Ausgerichtet wird diese Rallye  Wolfgang Brandt

auf dem Blog:  Kaquus Hausmannskost

 

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